Schlagwort

Begriffliche Anpassung

4 Texte

A Polyphonic Conception of AI Understanding

Mit Pierre Beckmann.

Argumentiert, dass die Frage, ob grosse Sprachmodelle verstehen, wovon sie sprechen, zugleich unausweichlich und falsch gestellt ist: unausweichlich, weil Nutzerinnen und Nutzer Ausgaben, die epistemisches Vertrauen verdienen, von solchen unterscheiden müssen, die es nicht tun, und kein rein mathematisches oder statistisches Vokabular diese Grenze ziehen kann, ohne den Begriff des Verstehens der Sache nach wieder einzuführen; falsch gestellt, weil der überkommene Begriff einen einzigen Sitz des Verstehens voraussetzt. Die mechanistische Interpretierbarkeitsforschung zeigt dagegen, dass LLMs zutiefst polyphone Systeme sind, deren Ausgaben aus parallelen Mechanismen ungleicher Zuverlässigkeit hervorgehen. Gestützt auf Belege für medizinisches, mathematisches, logisches und räumliches Verstehen in LLMs entwickelt der Aufsatz eine für solche Systeme geeignete Konzeption: Ein Modell versteht einen Bereich in dem Masse, wie es über solide Schaltkreise verfügt, die relevante Strukturen erfassen, und diese zuverlässig zur Steuerung seiner Ausgaben heranzieht – womit scheinbar müssige metaphysische Streitfragen zu bearbeitbaren empirischen Fragen werden, an denen sich die Zuteilung von Vertrauen orientieren kann.

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Evolving Minds, Evolving Language: Metaphor as a Process of Conceptual Adaptation to Artificial Intelligence

Manuskript (+Folien)

Argumentiert, dass kognitive Termini wie „Verstehen“ oder „Schlussfolgern“ immer häufiger auch von technisch versierten Forschenden auf grosse Sprachmodelle angewandt werden und dass solche Anwendungen weder als wörtliche Zuschreibungen noch als bloss lockere Rede zu begreifen sind, sondern als Metapher im Sinne begrifflicher Anpassung: als kreative Ausdehnung von Begriffen über ihren ursprünglichen Bereich hinaus unter dem Druck begrifflicher Bedürfnisse. Im Rückgriff auf die Strawson-Kant-Tradition zu Einbildungskraft und Begriffsanwendung, auf inferentialistische Semantik, auf Bermúdez’ Theorie rationaler Rahmung und auf Gentners Structure-Mapping-Theorie der Analogie entwickelt der Aufsatz einen Rahmen mit vier ineinandergreifenden Komponenten: selektive Übertragung inferenzieller Verknüpfungen statt von Referenz, die leitende Rolle begrifflicher Bedürfnisse und ihrer aptischen Normativität, die empirische Prüfbarkeit übertragener Verknüpfungen mithilfe mechanistischer Interpretierbarkeit sowie die „Karriere“ kognitiver Termini im KI-Kontext von neuartigen Vergleichen über inferenzielle Aushandlung bis hin zu möglicher Konventionalisierung. Damit verschiebt der Aufsatz die Debatte über die wörtliche Anwendbarkeit kognitiver Termini auf KI hin zu abgestuften und empirisch bearbeitbaren Fragen nach der Passung bestimmter inferenzieller Übertragungen und zeigt zugleich, dass die Wahl eines kognitiven Vokabulars für KI evaluativ und praktisch folgenreich ist.

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The Invented Inventor: Adapting Intellectual Property to Generative AI

In Begutachtung

Da Künstliche Intelligenz (KI) zunehmend als Treiber von Entdeckungen fungiert, ist der Begriff des Erfinders einer starken Belastung ausgesetzt. Jüngste Gerichtsentscheidungen, wie das DABUS-Urteil des Schweizerischen Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahr 2025, offenbaren eine sich verschärfende Spannung: Gerichte fordern die geistige Schöpfung durch eine natürliche Person, auch wenn der menschliche Beitrag zu KI-gestützten Entdeckungen zunehmend marginal ausfällt. Dieser Beitrag nähert sich der daraus resultierenden Spannung aus dem Blickwinkel der politischen Philosophie anstatt der Rechtswissenschaft: Die Belastung, die KI auf den Begriff der Erfinderschaft ausübt, ist zu grundlegend, als dass sie durch interpretative Methoden gelöst werden könnte, die bestehende begriffliche Architekturen als gegeben voraussetzen. Inspiriert von Humes Genealogie des Eigentums rekonstruiert die Arbeit die historischen „Bedürfnismatrizen“, die den Begriff der Erfinderschaft geprägt haben, und verfolgt seine Entwicklung von der venezianischen Zunftökonomie über die romantische Genieideologie bis hin zur unternehmerischen Forschung und Entwicklung (F&E). Dabei zeigt sich, dass der Begriff ein überfrachtetes Bündel darstellt, das vier soziale Funktionen erfüllt: die Schaffung von Innovationsanreizen, die Verbreitung von Wissen, die Legitimation von Monopolen und die Lösung von Prioritätsstreitigkeiten. Dies verdeutlicht zugleich die Diskrepanz zwischen dem Begriff und den neu aufkommenden Realitäten KI-gesteuerter Entdeckungen. Um diese Diskrepanz aufzulösen, müssen wir den Begriff der Erfinderschaft aufschlüsseln und für jede dieser Funktionen spezialisierte begriffliche Ressourcen entwickeln. Wenn wir die Idee des Erfinders erschaffen haben, um bestimmte Funktionen zu erfüllen, können wir sie auch neu erfinden, um diese besser zu erfüllen.

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Needs of the Mind: How Aptic Normativity Can Guide Conceptual Adaptation

Philosophical Studies 183 (6): 1719–1746. 2026.

Der Aufsatz entwickelt eine Theorie der „Bedürfnisse des Geistes“ als einer spezifisch aptischen Normativität – einer Normativität der Angemessenheit. Nach einer Rekonstruktion der Geschichte verschiedener Bedürfnisauffassungen und ihrer allmählichen Subjektivierung konzentriert sich der Aufsatz auf begriffliche Bedürfnisse und argumentiert, dass sie eine kognitive Deprivation anzeigen, die über einen blossen Mangel an Wörtern hinausgeht: Sie markieren eine Diskrepanz zwischen unserem Begriffsrepertoire und unserer Situation und lenken Conceptual Engineering von einer distanzierten Verbesserung hin zu situierter Anpassung. Dadurch eignet sich ein Needs‑First‑Ansatz in besonderer Weise dazu, begriffliche Anpassung in Zeiten technologischer Umbrüche zu leiten.

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